Lerne mit weltbekannten Artists Klavier (oder Drums, Gitarre oder Bass) – so bewirbt MyGroove seine App, die den Markt für Musiklernapps aufmischt. Ob die App wirklich hält, was sie verspricht und ob sie zum Klavier lernen taugt, erfährst du in diesem Beitrag.
Ich habe schon einige Klavier-Apps getestet und gedacht, mich könne nichts mehr überraschen. Doch MyGroove ist wirklich anders als die anderen Apps. Doch der Reihe nach…
MyGroove: Vom Download zum Start
Bevor ich anfange: Ich muss kurz etwas ansprechen, das mir sofort aufgefallen ist.
Der vollständige Name der App lautet: MyGroove: Drums, Gitarre, Bass.
Klavier? Fehlanzeige. Zumindest im Namen.
Dabei ist Klavier durchaus dabei – in den Screenshots, in der App selbst, sogar mit einer eigenen Lehrerin. Aber im Titel? Nicht erwähnt. Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant auf dem Schild schreiben: „Burger, Pommes, Salat“ – und dann serviert es auch noch das beste Schnitzel der Stadt. Schön, aber man muss erst mal wissen, dass es das gibt.
Für Klavierspieler, die gezielt nach einer App suchen, ist das ein kleiner Nachteil. Wer „Klavier App“ im AppStore sucht, könnte erst einmal verwirrt sein.
Wer testet hier eigentlich?
Ich spiele seit knapp 30 Jahren Klavier. Kein Konzertsaal-Profi, aber auch kein Anfänger, der noch nach den Noten sucht. Ich habe in dieser Zeit so ziemlich jede Klavier-App getestet, die es gibt: Flowkey, Simply Piano, Skoove – ich kenne sie alle.
Ich weiß also, was eine gute App ausmacht. Und ich weiß, was mich nervt.
Mein Test-Setup: Ein Tablet (ideal für diese App, dazu gleich mehr), ein digitales Klavier, und drei Wochen Zeit, in denen ich wirklich alle Bereiche der App durchforstet habe.
Registrierung und erster Eindruck
Die Registrierung kann auch über den Browser am Computer ablaufen. Zum Spielen braucht man dann zwangsläufig die mobile App – das beste Spielerlebnis hast du natürlich auf einem Tablet.
Das ist grundsätzlich sinnvoll, hat aber einen Haken: Wer wie bei Flowkey gemütlich mit dem Laptop am Klavier sitzen und spielen möchte, wird enttäuscht. MyGroove ist konsequent auf mobile Geräte ausgelegt. Wer das weiß, ist nicht überrascht. Wer es nicht weiß, ärgert sich vielleicht kurz.
Beim Start wählt man sein Level aus – drei Stufen stehen zur Auswahl. Ich habe natürlich „Pro“ gewählt. Nach fast 30 Jahren Klavierspielen wäre alles andere eine Beleidigung. 😄
Dann beantwortet man ein paar Fragen zu seinen Zielen. Ich habe als Schwerpunkt „Songs lernen“ ausgewählt – und bekam sofort meinen ersten Song zugewiesen.
„How You Remind Me“ von Nickelback.
Ich muss zugeben: Den Song hatte ich nicht unbedingt auf dem Radar. Aber ich mag den Song und hatte sofort Freude.
Auf der Songliste gibt es unter anderem auch Songs von Max Mutzke und Eko Fresh (die beiden singen sogar selbst), Snow Patrol, Queen sowie einige Eigenkompositionen. Die Auswahl ist noch nicht riesig, aber es dürfte für jeden Geschmack etwas dabeisein.
Mikrofon, Kamera, und das Gefühl, sich selbst zu beobachten
Bevor es losgeht, fragt die App nach Mikrofon- und Kamera-Zugriff. Und hier kommt eines der Features, das MyGroove wirklich von anderen Apps unterscheidet: Du wirst beim Spielen aufgenommen.
Meine erste Reaktion? Ehrlich gesagt fand ich das etwas komisch. Du kennst es – niemand sieht sich gerne selbst beim Spielen zu. Das ist ungefähr so angenehm wie das erste Mal die eigene Stimme auf einer Aufnahme zu hören. Aber wenn du mich kennst, weißt du, dass ich ein großer Fan vom Selbstaufnehmen bin.
Bei der Analyse danach ist dieses automatische Aufnehmen Gold wert. Hand aufs Herz: Wie oft nimmst du dich wirklich auf?
Du kannst dir sofort anschauen, was du getan hast. Wenn du die Noten noch brauchst, dann wirst du vor allem deine Mimik sehen. Wenn du den Song dann auswendig kannst, empfehle ich dir, das Gerät etwas seitlich hinzustellen, damit du dich in Gänze sehen kannst.
Die App bewirbt diese Selbstaufnahme mit dem Versprechen, dass du dadurch 40 Prozent schneller Fortschritte machst. Ob das stimmt, kann ich nicht messen. Aber dass die Videofunktion hilft? Ja, das kann ich bestätigen.
Wie die App aufgebaut ist: Explore, Groove, Perform
Jede Lektion ist in drei Stufen unterteilt.
Explore – Kennenlernen
Hier wird der Song aufgedröselt. Du siehst Noten (oder Tabs bei Gitarre und Bass), der Coach erklärt, du schaust zu – aus verschiedenen Kameraperspektiven. Das ist gut gemacht. Du kannst das Video jederzeit stoppen, das Tempo anpassen und Inhalte wiederholen.
Ein echter Pluspunkt: Du kannst das Tempo selbst wählen und langsamer üben. Wer kennt das nicht – eine Passage klingt im Kopf perfekt, aber die Finger spielen eine eigene Version davon. Langsam üben hilft. Immer.
Ein kleiner Kritikpunkt: Du kannst nicht eine einzelne, schwierige Stelle gezielt herausgreifen und isoliert üben. Du übst immer die ganze Passage. Für Fortgeschrittene, die wissen, dass genau dieser eine Übergang das Problem ist, kann das etwas frustrierend sein.
Groove – Mit der Band spielen
Hier wird es richtig gut. Du spielst den Song – aber nicht allein. Sondern mit einer virtuellen Band. Mit echten Videos der Coaches. Mit echtem Klang.
Das ist das Alleinstellungsmerkmal von MyGroove, und ich sage das ohne Übertreibung: Dieses Gefühl gibt es in keiner anderen Klavier-App.
Du fühlst dich sofort als Teil einer Band. Die Videos laufen, die Musik läuft, und du spielst mit. Das ist nicht wie eine Übung. Das ist wie Musik machen.
Perform – Der Ernstfall
Hier spielst du dann die Lektion durch – ohne Unterbrechung und ohne, dass dein Coach mitspielt. Die App analysiert danach die Leistung und zeigt genau, welche Töne falsch, welche ungenau und welche fehlend waren. Farblich markiert, übersichtlich dargestellt.
Du siehst also erst nach dem Spielen, was schiefgelaufen ist – nicht währenddessen. Das ist eine bewusste Entscheidung der App-Entwickler, und ich finde sie richtig. Wer beim Spielen ständig rote Markierungen sieht, verliert den musikalischen Fluss. Erst spielen, dann analysieren – heißt hier das Konzept. Einen „Flow“-Modus, wo es erst weitergeht, wenn du richtig spielst, wie bei Flowkey, gibt es hier nicht.
Die Level- und Songstruktur: Erst verwirrend, dann logisch
Zu Beginn war ich etwas verwirrt: Jeder Song hat mehrere Level, und jedes Level hat mehrere Lektionen. Was ist was? Wo fange ich an?
Nach einiger Zeit hat sich das erschlossen: Man lernt immer erst einzelne Songteile, dann den ganzen Song – und das in jeder Schwierigkeitsstufe. Das ist eigentlich ein sehr cleveres System. Es fühlt sich nur am Anfang wie ein unbekanntes Labyrinth an.
Wer sein Level noch nicht kennt: Es gibt auch eine Challenge, die beim Einordnen hilft. Einfach mitmachen und schauen, wo man landet.
Die Academy: Das heimliche Herzstück der App
Jetzt komme ich zu dem Bereich, der mich am meisten beeindruckt hat – und der für Klavierspieler besonders relevant ist.
Die Academy ist nicht einfach eine Sammlung von Lehrvideos. Sie ist ein strukturiertes Lehrprogramm, das von absoluten Anfängern bis hin zu echten Fortgeschrittenen reicht.
Beim Klavier ist die Lehrerin Annique Göttler. Ich habe mir viele ihrer Lektionen angeschaut – darunter auch Inhalte zur Mondscheinsonate, 3. Satz. Und ich sage das als jemand, der das Stück schon einmal gelernt hat: Ich habe Technik- und Übetipps bekommen, die ich so noch nicht kannte.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Lern-Apps hören bei Fortgeschrittenen auf. Sie sind gut für Anfänger, aber wenn man schon etwas kann, gibt es plötzlich nichts mehr zu lernen. Bei MyGroove ist das anders. Die Academy wächst mit.
Die Lehrvideos sind wirklich exzellent. Schon bei den Songs fällt das auf, aber bei der Academy gilt das noch einmal mehr. Diese intensive Verzahnung von Lehrvideos und dem sofortigen Einüben bietet so keine andere App.
Die anderen Coaches der App sind ebenfalls stark besetzt: Thomas Hechenberger für Gitarre, Julia Hofer für Bass, Thomas Lang für Schlagzeug – ein international gefragter Drummer. Beim Gesang sorgen Namen wie Max Mutzke und Eko Fresh für echte Strahlkraft.
Tonerkennung: Ehrlich gesagt etwas wohlwollend
Ich habe die App überwiegend mit dem Mikrofon verwendet – ohne direkten USB-Anschluss des E-Pianos. Die Erkennung funktioniert gut, aber ich muss ehrlich sein: Sie war manchmal etwas wohlwollend.
Sprich: Mein Score war gelegentlich besser, als er verdient gewesen wäre. 😄
Das ist kein Drama, aber wer wirklich präzises Feedback möchte, sollte das E-Piano direkt anschließen. Per USB funktioniert die Erkennung deutlich besser. Das Mikrofon ist praktisch – aber es schmeichelt einem ein bisschen.
Was mir noch aufgefallen ist
- Das Notenbild könnte besser sein. Teilweise fehlender Kontrast, manchmal etwas klein – und ein mitlaufender Cursor, der die aktuelle Stelle markiert, fehlt. Wer von Flowkey oder Simply Piano kommt, kennt das und vermisst es.
- Im Explore-Modus wäre es schön, Videos in schnellerem Tempo abspielen zu können – zum Beispiel, um einen Abschnitt erst im Überblick zu sehen, bevor man ihn langsam erarbeitet. Aber vielleicht bin ich einfach nur zu ungeduldig 😄
- Kleinere Bugs: Teilweise waren Video und Noten nicht ganz synchron, oder ganze Lektionen haben sich aufgehängt. Ich gehe davon aus, dass diese Bugs nach und nach von den Entwicklern behoben werden, da die App insgesamt noch relativ jung ist.
Was kostet MyGroove?
MyGroove kostet 14,99 € im Monat, das Jahresabo kostet 119,99 € (und damit zahlst du knapp 10 € im Monat). Mit dem Gutscheincode PIANOBEAT20 sparst du 20% auf alle Abos.
Bemerkenswert: Das Premium-Abo gibt dir Zugang zu allen Instrumenten – Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang, Percussion. Für Multi-Instrumentalisten ist das ein echtes Schnäppchen.
Das Gefühl, das bleibt
Ich habe drei Wochen mit MyGroove verbracht. Viele Stunden, viele Lektionen, viele Songs.
Aber es gibt etwas, das mir wirklich in Erinnerung geblieben ist.
Du hast einen Song intensiv geübt. Du kennst die Noten, die Übergänge, die schwierigen Stellen wurden hundertmal wiederholt. Dann wechselst du zu „Perform“ und es kommt ein echtes Band Feeling auf. Es fühlt sich toll an, in der virtuellen Band zu spielen – ganz ohne das Zimmer zu verlassen.
Das ist kein Üben mehr. Das ist Musik machen.
Dieses Gefühl, als Teil einer Band zu spielen – mit echten Musikern auf dem Bildschirm, mit echtem Sound im Raum – das gibt es so in keiner anderen Klavier-App. Und dafür allein lohnt sich MyGroove.
Fazit: Für wen ist MyGroove das Richtige?
MyGroove ist genau richtig für dich, wenn du…
- Songs spielen willst, nicht nur Etüden
- das Gefühl liebst, in einer Band zu spielen
- auch andere Instrumente ausprobieren möchtest
- Wert auf professionelle Coaches und hochwertige Videos legst
- Fortgeschrittener bist und eine App suchst, die mit dir wächst
MyGroove ist vielleicht nicht das Richtige, wenn du…
- hauptsächlich Klassik spielst und eine große Auswahl an klassischen Stücken erwartest
- lieber am Laptop als auf dem Tablet übst
- präzises Echtzeit-Feedback beim Spielen brauchst und kein Digitalpiano hast
Mein persönliches Urteil nach drei Wochen: Klare Empfehlung – mit dem Hinweis, dass du wissen solltest, worauf man sich einlässt. MyGroove ist keine klassische Klavier-App. Es ist eine Musik-App, die Klavier (sehr gut) kann. Und das besser, als der App-Name vermuten lässt.
