Wie du mühelos in den Flow am Klavier kommst


Du sitzt am Klavier.

Hände auf den Tasten. Bereit zu spielen.

Aber der Kopf? Der rattert weiter.

„Was koche ich heute Abend? Ich muss noch eine Mail beantworten… Und sollte ich nicht mal wieder zum Friseur?“

Das merkst du an den Tasten. Du spielst, aber es fühlt sich zäh an. Mechanisch. Und so wirklich in die Musik eintauchen, gelingt dir wieder mal nicht.

Kennst du das?

Ich leider auch nur zu gut.

In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du in 5 Schritten zuverlässig in den Flow-Zustand am Klavier kommst und total im Tunnel bist.

Wo die Zeit verfliegt und Fortschritte nebenbei kommen.

Klingt gut?

Dann legen wir los.

Was ist Flow überhaupt und warum brauchst du ihn?

Als Urvater der Flow-Forschung gilt der Wissenschaftler Mihaly Csikszentmihalyi. Er hat sich bereits vor einigen Jahrzehnten damit beschäftigt, was genau dieser Flow-Zustand ist.

Dieser Zustand des vollständigen Aufgehens in einer Tätigkeit, das oft als Gefühl der Selbstvergessenheit, hoher Konzentration und absoluter Kontrolle beschrieben wird.

Herausforderungen und Fähigkeiten stehen komplett im Einklang und es führt zu hoher Produktivität und Glücksgefühl.

Viele Profisportler berichten davon, dass dieser Flow oder Tunnel ein wichtiger Faktor für ihren Erfolg ist.

Oliver Kahn zum Beispiel wird nachgesagt, dass er sich 90 Minuten nur auf den Ball fokussierte und das ganze Stadion ausblenden konnte.

Am Klavier bedeutet dieser Flow-Zustand, dass du dich ans Klavier setzt und anfängst zu spielen.

Du bist komplett im Moment. Keine Gedanken an die Arbeit. Keine To-Do-Liste. Kein Handy. Nur du und das Klavier.

Zack – ist eine Stunde weg. Und nebenbei hast du deutliche Fortschritte gemacht.

Du kannst Flow nicht erzwingen

Der Haken beim Flow ist:

Du kannst ihn nicht erzwingen.

Je mehr du versuchst, in den Flow zu kommen, desto weniger klappt’s.

Das ist wie beim Einschlafen. Je mehr du willst, desto weiter rennt der Schlaf weg.

Was du aber tun KANNST: Die richtigen Voraussetzungen schaffen. Dann kommt der Flow von selbst.

Und es gibt eine goldene Regel für Flow: Du musst gefordert sein, aber nicht überfordert.

Ist die Musik, die du spielst…

  • … zu leicht? Dann bist du unterfordert und der Flow bleibt aus.
  • … zu schwer? Du bist frustriert. Verkrampft. Und es gibt auch keinen Flow.
  • … genau richtig schwer? Du bist fokussiert, aber entspannt. Alles bereit für den Flow 🙂

Das Problem an der heutigen Zeit:

Der Flow kommt nicht, wenn du abgelenkt bist. Und mit ständigen Notifications am Smartphone, Anrufen, E-Mails, Social Media hat unser Gehirn es immer mehr verlernt, sich vollkommen in den Flow State zu versinken.

Die gute Nachricht?

Du kannst das ohne Weiteres wieder lernen.

Wie du mühelos in den Flow am Klavier kommst

Schritt 1: Weg mit den Ablenkungen

Was ist der absolut größte Flow-Killer?

Genau. Dein Smartphone.

Wenn du also in den Flow kommen willst, musst du dieses Gerät weit weg von deinem Klavier verbannen. Am besten legst du es in einen anderen Raum.

Denn wenn es irgendwo in der Nähe liegt, wandern deine Gedanken immer wieder hin. Ich spreche aus Erfahrung.

Ein Leser meines Blogs hat sein Handy konsequent in den Keller gelegt. Jedes Mal, wenn er übt. Nach zwei Wochen kam die Nachricht: „Ich spiele wieder wie früher – nur besser.“

Also: Handy weg. Tür zu. Sag deiner Familie: „Bin die nächsten 30 Minuten auf Tauchstation.“

Auch andere Ablenkungsquellen verbannst du am besten aus deinem Sichtfeld.

Das ist die erste Voraussetzung für Flow. Du schaffst Raum.

Schritt 2: Die Höhle bauen

Als Nächstes baust du deine eigene Flow-Höhle. Schau, dass alle deine „Bedürfnisse“ erfüllt sind.

Geh nochmal auf die Toilette und trink einen großen Schluck.

Richte dir deine Übeecke schön gemütlich ein, sodass du dort gerne die nächsten 30+ Minuten verbringst.

Vielleicht gestaltest du dir dein eigenes kleines Ritual, indem du dir den Klavierhocker immer gleich zurechtrückst, deine Noten zusammensuchst und aufs Pult legst und dann die Klavierklappe öffnest.

Schritt 3. Reset für den Körper

Wenn dein Alltag so wie meiner und der von den meisten Lesern ist, dann ist der überwiegend durchgetaktet. Wenn du dich ans Klavier setzt, darfst du das alle beiseite lassen.

Klingt einfacher als es ist, oder?

Durch eine einfache Routine kannst du deinem Körper helfen, im Hier und Jetzt anzukommen.

Schüttel deine Arme aus.

Deine Schultern. Deine Hände. Mach alles locker. Lass die Anspannung raus.

Nimm ein paar tiefe Atemzüge.

Atme tief durch die Nase ein und aus. 

Das signalisiert deinem Körper: „Hey, wir machen jetzt was anderes. Wir schalten um.“

Ohne das spielst du wie ein eingerosteter Roboter. Wir wollen aber Musik machen, nicht Maschinengeräusche.

klaviertechnik verbessern

Schritt 4: Aufwärmen

Ich bin ehrlich: Ich bin kein großer Freund von klassischen Aufwärmübungen. Du weißt schon: Tonleitern rauf und runter, gedankenverloren, wie ein Automat.

ABER – es gibt eine Aufwärmtechnik, die funktioniert. Und zwar, weil sie spielerisch ist.

Die pentatonische Skala.

Am Klavier kannst du da einfach die schwarzen Tasten verwenden.

Spiel einfach nur auf den schwarzen Tasten herum. Alles klingt gut. Du kannst hier keine Fehler machen. Und genau das ist der Punkt.

Dein Gehirn lernt: „Hey, hier ist sicher. Hier kann ich entspannen. Hier muss ich nicht perfekt sein.“

Spüre die Tasten. Spüre das Gewicht. Denk nicht nach – fühl einfach.

30 bis 60 Sekunden. Mehr brauchst du nicht. Die Finger sind warm, der Kopf ist ruhig.

Es kann los gehen!

Schritt 5: Den Sweet-Spot finden

An diesem Schritt scheitern die meisten. Warum?

Weil sie das falsche Stück wählen (in der Regel ein zu schweres)

Wie eingangs beschrieben, entsteht Flow nur, wenn du gefordert, aber nicht überfordert bist.

Stell dir vor, du gehst in den Bergen wandern. 10 Kilometer nur flache Wege? Langweilig. Eine Steilwand ohne Seil? Panik! Aber ein steiler Pfad, den du gerade so schaffst? Optimal.

Deshalb solltest du auch am Klavier Stücke in der richtigen Schwierigkeitsstufe wählen. Ja, das braucht etwas Erfahrung. Aber mit der Zeit kannst du immer besser einschätzen, ob ein Stück zu dir passt, zu leicht oder zu schwer ist.

Ich spreche übrigens nicht davon, dass du nie wieder leichte Stücke spielen darfst. Als Übung für das Blattspiel sind leichte Stücke zum Beispiel optimal geeignet.

Aber die Stücke, mit denen du besser werden willst, die sollten genau in diesem Sweet-Spot liegen.

Ab in den Tunnel mit zwei Techniken

Du hast die richtigen Vorbereitungen getroffen – das allein sorgt schon häufig dafür, dass du in den Flow kommst.

Wenn es dir dennoch schwerfällt, habe ich hier noch zwei Spezialtechniken für dich, die dich in den Flow katapultieren.

1) Die Sinnesreise

Als du das letzte Mal so richtig verliebt warst, hast du da an die Steuererklärung gedacht? Richtig – denn wenn du intensiv fühlst und wahrnimmst, kannst du gar nicht grübeln und abschweifen.

Wir zwingen also dein Gehirn, so intensiv wahrzunehmen, dass du nicht abgelenkt wirst und dich voll auf die Klaviermusik fokussierst.

Nimm die Stelle, die du gerade übst. Mach mehrere Durchgänge. Aber jedes Mal konzentrierst du dich auf etwas anderes.

Durchgang 1: Nur fühlen.

Konzentriere dich nur auf die Tasten. Wie fühlen sie sich an? Hart? Weich? Spüre den Widerstand. Spüre, wie die Taste nachgibt.

Durchgang 2: Nur hören.

Jetzt höre nur den Klang. Wie klingt die Note? Hell? Dunkel? Höre den Nachhall. Höre, wie die Töne ineinander übergehen.

Durchgang 3: Die Artikulation.

Jetzt spüre, wie sich deine Finger bewegen. Wie sie von Taste zu Taste gleiten. Legato. Staccato. Die Bewegung selbst.

Gerne kannst du auch noch mehr Variationen einbinden.

Aber merkst du, was passiert?

Du warst komplett im Moment. Keine Gedanken an morgen. Nur Tasten, Klang, Bewegung.

Das ist Flow.

 

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2) Tanz mit dem Metronom

Kaum ein Klavierschüler mag das Metronom. Auch ich habe diesen tickenden Diktator immer gehasst.

Strenger als der strengste Lehrer zwingt dich das Metronom zu Präzision.

Aber hier ist der Flow-Trick mit dem Metronom:

Sieh es nicht als Taktstock-Diktator. Sieh es als Tanzpartner.

Dein Ziel: Mit ihm zu verschmelzen.

(Im übertragenen Sinn natürlich).

Stell das Metronom ein. Nimm das Ticken war. Und lass dich komplett fallen. Folge nur noch. Denke nicht mehr nach – sei im Rhythmus.

Allein das Spielen zum Metronom kann dich sofort in den Flow ziehen.

ABER – und das ist wichtig – pass auf, dass du nicht mechanisch wirst.

Sobald du merkst, dass du abschweifst und zu mechanisch wirst, verändere etwas.

Erhöhe das Tempo etwas oder drehe es ein paar Schläge zurück.

 

Manchmal klappts einfach nicht…

Du kannst die perfekten Voraussetzungen für den Flow schaffen. Aber dennoch kommst du einfach nicht in den Tunnel.

Es gibt Tage, da soll es einfach nicht sein.

Akzeptiere das, übe dennoch an deinem Stück und mach beim nächsten Mal Spielen einfach den nächsten Anlauf.

Selbst Horowitz und Gulda hatten schlechte Tage. Der Unterschied: Sie haben sich nicht verrückt gemacht.

 

Fazit: Wundermittel für Fortschritte

Wenn du einmal gelernt hast, wie du in den Flow kommst, wirst du nicht mehr anders üben wollen.

Warum?

Weil Üben plötzlich kein Kampf mehr ist. Keine Qual. Kein „Ich muss noch“.

Sondern ein „Ich darf endlich“.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Du tauchst ab. Du vergisst die Welt. Und wenn du wieder auftauchst, fühlst du dich erfrischt – nicht erschöpft.

Das ist der Unterschied zwischen Üben und Flow.

Und das Beste: Du hast jetzt die Werkzeuge dafür.

Also, worauf wartest du? Ab an die Tasten 🙂


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